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Im Schraubstock

Eine Brezel ist eine Brezel ist eine Brezel

In Zeiten wie diesen, in denen die fossilen Brennstoffe nicht mehr munter gurgelnd aus ihren Quellen sprudeln wollen, mag es den aufgeklärten Weltenbürger wenig wundern, dass Benzin, aufgrund der eingeschränkten Verfügbarkeit, fast mehr wertgeschätzt wird als Gold. Mancherorts geht man sogar dazu über, die Zugabe von einigen Litern des kostbaren und auch kostspieligen Nasses als Kaufanreiz für Konsumgüter einzusetzen. Autohäuser zum Beispiel werben damit, beim Kauf eines Neuwagens ein Jahr lang die Tankrechnungen zu übernehmen. Ein durchaus attraktives und wohl durchdachtes Angebot. Schließlich kommt der Pkw in den seltensten Fällen ohne Benzin aus, die Versorgung stellt einen geldwerten Vorteil dar, der in die Gesamtkalkulation einbezogen werden sollte.

Schwierig wird die Dreingabe von Kraftstoff bei Handelsunternehmen, die mit der Sparte Automobil auch beim besten Willen nicht in Verbindung gebracht werden können. Warum also ein Modehaus dazu überging, Rabatte in Form von Benzingutscheinen auszubezahlen, wird von manchen sicher nur mit einem abwertenden Kopfschütteln quittiert. Vor allem bei jenen, die kein Fahrzeug besitzen und somit nicht von der Dreingabe profitieren können. Konnten sie früher zu Hause freudestrahlend berichten, dass sie auf die ohnehin schon reduzierte Ware noch einmal 30% Nachlass erhalten hatten, so sind sie heute gezwungen, lustlos die Benzingutscheine auf den Wohnzimmertisch zu werfen, auf dass ein anderes Familienmitglied sich derer annehme. Nur so ist es zu erklären, dass die Studentenparkplätze vor Universitäten einer Leistungsschau der ansässigen Kfz-Branche gleichen. Hier kuscheln sich stattliche Limousinen an schnittige Sportflitzer und lassen keinen Raum für die Kleinwagen, die auf dem Seitenstreifen vorschriftswidrig abgestellt sind. Der Student von heute fährt in protzigen Schlitten vor und wohnt in Schuhschachteln und das ist nur möglich, weil Mutti eine treue Kundin beim Modehaus ihres Vertrauens ist.

Wie weit kann diese Entwicklung gehen? Wird der Treibstoff die gängige Währung als Zahlungsmittel ersetzen? Werden wir schon bald am Bankschalter gefragt, ob wir den Betrag von unserem Konto in bar oder in Benzin ausbezahlt bekommen wollen? Ein bisschen umständlich wäre das schon. Statt eines Portemonnaies wäre ein Kanister mitzuführen, an den Kassen in Kaufhäusern und Supermärkten würden riesige Schlangen entstehen, da der Zahlungsvorgang und das Herausgeben von Wechselbenzin unglaublich viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Einen Vorteil hätte dies wahrscheinlich doch: Die Straßenräuber- und Taschendiebzunft hätte wenig zu lachen, zumal die Flucht durch das sperrige Raubgut erheblich erschwert würde.

Dennoch ist es nicht zu erwarten, das Überlegungen wie diese Realität werden. Der Benzinmotor wird mit dem Aufkommen alternativer Treibstoffe an Wertschätzung verlieren und die Handelsunternehmen werden zu herkömmlichen Rabattformen zurückfinden. So wie es ein renommiertes Backhaus in meiner kleinen Stadt bereits jetzt praktiziert. Es deklariert einen Tag in der Woche zum Brezeltag, das heißt, für jedes Exemplar des Laugengebäcks erhalten die Käufer ein weiteres hinzu. Eine klare und unmissverständliche Sache, eine erfreuliche obendrein, sollte man meinen. Und dennoch nicht eindeutig genug, um auch Unmut erzeugen zu können. So war der Herr, der eine Butterbrezel erworben hatte, sehr überrascht, um nicht zu sagen aufgebracht, als ihm die Aushändigung seines zweiten Exemplares verwehrt blieb. Die Verkäuferin begründete dies mit den Worten: „Heit isch Brezeldag ond net Buddrbrezeldag." Der Käufer zeigte sich uneinsichtig. "Ha, des isch doch’s gleiche. A Brezel isch a Brezel." Sein Gegenüber stemmte die Hände in die Hüfte, holte tief Luft und setzte zur finalen Erklärung an: "Noi, noi. A Brezel isch a Brezel. Ond a Buddrbrezel isch a Buddrbrezel. Des isch ja wohl ebbes ganz anders. Sie tanket doch au koin Diesel wenn se Subbr fahred."
Ich ahne Schlimmes.
 

© 2007 Olaf Nägele

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Olaf Nägele, 2007