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Schraubstock-Archiv

Eine Liebe im Konjunktiv

Welch ein schönes Paar hätten diese beiden abgeben können. Sie, eine Naturschönheit mit langem wallenden kastanienbraunem Haar, mit bernsteinfarbenen Augen, Grübchen, die sich mit ihrem Lächeln öffneten und alle Herzen in die Tiefe rissen und einem Kirschenmund, wie ihn Maler nicht schöner abbilden könnten. Das Herz am rechten Fleck, wie überhaupt alles an ihr am rechten Fleck zu sein schien, wohlproportioniert und alles andere als anbiedernd. Er, ein stattlicher junger Mann mit ebenmäßigen Zügen, ohne die verpönten B’s, Brille, Bart und Bauch, mit dichtem schwarzen, kurz geschorenen Haar und einem Blick, der weiche Knie auslösen konnte. Wenn diese beiden zusammengefunden hätten, wären Menschen auf der Straße wären stehen geblieben und hätten ihnen staunend nachgeblickt. Einige hätten vielleicht sogar applaudiert, ihnen Kusshände zugeworfen. Die Vögel hätten ihr Frühlingslied nur für sie gesungen, die Blumen hätten ihre Blütenkelche nach ihnen ausgerichtet und wahrscheinlich hätte auch die Sonne nur für sie geschienen.

Wenn nur dieser kleine Fehler nicht passiert wäre, dieses Ungeschick. Wenn sie vielleicht ihre Vorsicht vergessen und ihm ihre Telefonnummer gegeben hätte. Dann hätte er fragen können, wo sie denn bleibt, dann wäre das Missverständnis geklärt gewesen und alles hätte seinen Lauf nehmen können. Wenn er nicht so schüchtern gewesen wäre, hätte er vielleicht darauf bestanden, die Nummer zu bekommen. Nur für den Fall der Fälle, hätte er sagen können und wäre dennoch seinem Grundsatz treu geblieben, eine Frau in keiner Weise bedrängen zu wollen. Es hätte ihr signalisiert, welch ein vorausschauender Mensch er doch ist. Einer, der nichts dem Zufall überlässt, immer auf Sicherheit bedacht. Das hätte ihr sicher gefallen, sehnte sie sich doch stets nach Schultern zum Anlehnen, nach einem Freund, Ratgeber und Liebhaber in Personalunion.

Er hätte sich sofort in sie verliebt, sie wäre ganz nach seinem Geschmack gewesen. Nicht, dass er besondere Ansprüche gestellt hätte, aber ihre offene und unkomplizierte Art hätte ihn in den Bann gezogen. Damit hätte sie einen wohltuenden Ausgleich zu seiner Introvertiertheit geschaffen, als ideale Ergänzung seiner selbst. Sie hätte ein wenig länger gebraucht, um sich zu verlieben, denn seine wahre Schönheit offenbarte sich erst auf den zweiten Blick. Doch entflammt, wie er gewesen wäre, hätte er wie ein Löwe um ihre Gunst gekämpft, hätte seine Eloquenz in langen, flammenden Liebesbriefen zum Ausdruck gebracht. Er hätte sie mit Blumen, Geschenken und Komplimenten überschüttet, hätte ihr jeden Wunsch von den schönen Augen abgelesen und ihr die Sterne vom Himmel geholt. Sie hätte ihn ein wenig zappeln lassen, obwohl ihr schon bald klar gewesen wäre, dass er der Richtige für sie ist. In einer besonders schönen Sommernacht hätte sie dann die Initiative übernommen und hätte ihn geküsst.

Danach wäre alles sehr schnell gegangen. Standesamt, Kirche, Hochzeitsreise nach Florenz. Romantik und Leidenschaft pur. Um die gute Nachricht zu überbringen, hätte sie sich eine Überraschung einfallen lassen. Eines morgens hätte sie einen Teller mehr auf den Frühstückstisch gestellt und die kleine Ultraschallaufnahme darauf gelegt. Dazu hätte sie seine Lieblings-CD in den Player geschoben, die passenderweise auch noch “And then they were three“ hieß. Er hätte sofort verstanden, hätte sie in der Luft herumgewirbelt und vor Freude geweint.

Ihr Erstgeborener hätte ihnen nur Freude bereitet und sich auch mit seiner zwei Jahre jüngeren Schwester bestens verstanden. Jeder, der die beiden hätte kennen lernen dürfen, wäre von ihrem Liebreiz, ihrer Schönheit und Klugheit hingerissen gewesen. Der Junge wäre ein phantastischer Außenverteidiger beim ansässigen Fußballverein geworden, sogar mit Aussicht auf eine Profi-Karriere, während das Mädchen am Klavierspiel wahre Virtuosität an den Tag gelegt hätte, bis sie die Harfe für sich entdeckte und daran ihr Talent ausgelebt hätte. Die beiden Kinder wären hervorragende Schüler gewesen, bei Lehrern und Freunden beliebt, sie hätten Abitur und Studium mit Auszeichnung absolviert und hätten hoch dotierte Posten angenommen. Vielleicht hätte der Sohn auch irgendwann den Nobelpreis verliehen bekommen, so sicher kann man da nicht sein. Vielleicht wäre die Tochter auch eine renommierte Chirurgin geworden, das Zeug hätte sie sicher dazu gehabt. Oder eben Kunstmalerin, wenn nicht gar Schauspielerin mit Oscar-Ambitionen.

Doch alles wenn, wäre, würde und könnte fiel einem winzigen Fauxpas zum Opfer, konnte nicht Realität werden. Dabei ist es nach wie vor ungeklärt, wer den Fehler gemacht hat. Ob in diesem Zusammenhang überhaupt von einem Fehler gesprochen werden kann. Hätte er mit ihrer Ortsunkenntnis rechnen müssen? Davon hatte sie im Chat nichts erwähnt. Obgleich er natürlich wusste, wie es um den Orientierungssinn aller Frauen bestellt war. Die schönen Näschen immer steil nach oben und bloß nicht nach links und rechts geblickt. Wenn eine Frau so wenig Sinn fürs Praktische entwickelte, was konnte das schon werden.

Hätte sie davon ausgehen müssen, dass es in seiner kleinen Stadt gleich drei Stadttore gab, wovon er eines als ersten Treffpunkt auserkoren hatte? Hätte sie nicht erwarten dürfen, dass er sich präziser ausdrückte? Wenn jemand bei so einfachen Dingen schon undifferenzierte Aussagen traf, wie sollte das erst bei schwierigen Fragen werden? Konnte man sich auf so jemanden dann überhaupt noch verlassen? So kam es, wie es eben ohne wenn, wäre, würde oder könnte kommt. Nach einer halben Stunde Wartezeit ging sie enttäuscht nach Hause, er war nicht gekommen, sie dachte, er wolle nichts mehr von ihr wissen, schrieb ihm auch keine E-mails mehr, weigerte sich sogar den Chatroom zu besuchen, sah stattdessen lieber fern. Er war in seinem Stolz verletzt, empfand ihr Ausbleiben als Demütigung, wie er schon von vielen vor ihr gedemütigt worden war, betrank sich in einer Eckkneipe und sah dem Ventilator beim Kreisen zu. Den Chatroom hat er auch nie wieder besucht, wer weiß, ob dort alle die Wahrheit sagen, am Ende ist doch alles Lüge und man bleibt weiter allein.

Welch ein schönes Paar hätten die beiden abgeben können. Sie hatten so vieles gemeinsam. Selbst heute, viele Jahre nach der Begebenheit, die keine war, eint sie ein gemeinsamer Traum. Der Traum von einer Liebe ohne Konjunktiv.

© 2007 Olaf Nägele

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Olaf Nägele, 2007