Navigation überspringen und zur Seitenüberschrift gehen.

Schraubstock-Archiv

Paillettenstaub und Patina

Es ist so eine Sache mit den ersten Malen. Man kennt sich ja nicht aus, weiß nicht, wie es geht. Da neigt man dazu, den Erfahrenen zu glauben. Den Verführern, die unermüdlich sanft ins Ohr säuseln: "Nimm, das macht dich glücklich. Das ist neu! Ist das nicht schön? Hol es dir, du brauchst es", raten sie. "Ohne zu bleiben ist gar nicht schick. Und wer nicht schick ist, bleibt allein."

Ich habe auf sie gehört. Ich habe es ihnen geglaubt. Weil ich glücklich sein wollte. Und nicht allein. Diesen Vinyl gewordenen Schatz wollte ich heben. Um meinen Abschied zu nehmen vom Kleinkindgeplänkel. So zog ich los, um ihn zu finden. Ich grub nach ihm mit bloßen Händen. Mit fiebrigem Blick und schweißnasser Stirn. Der große Moment: das Schimmern des Erkennens. Aus der grauen, unbekannten Masse erschien der Schmachtende in bläulichem Licht. Der strahlende Held der glitzernden Epoche. Freudenzitternd zog ich ihn an mich und drückte ihn an mein Herz. "Touch me" stand dort in großen, roten Lettern. Und ich berührte und wurde verführt. Büsste meine neunjährige Unschuld ein. Mit den Scherben meines Sparschweins öffnete ich die Venen und ließ mich durchdringen von Paillettenstaub. Fortan war ich verloren, der Duft von Glamour haftete süß und schwer. Was nicht funkelte, konnte mich nicht erreichen. Heere von Gummibären trauerten unter einem Himmel nie entstandener Kaugummiblasen.

Um mich herum rollten Steine bergan und bergab, Zeppeline stiegen empor und kamen ins Trudeln, tiefes Lila färbte schweres Metall und klebrig-zäh floss fader Ranz durch den Äther. Dann kam die Wut, und Liebe, Frieden und Verständnis wurden verbannt wegen Generationenverrat. Sie weckte mich auf, gab mir ein Zeichen. Es war an der Zeit, die gerissenen Wunden zu flicken. Mit Sicherheitsnadeln und Leukoplast. Süchtig nach dem Glanz, stieg ich drauf ein und warf mich in den tobenden Sturm. Wie ein entwurzelter Baum ließ ich mich von ihm in die Höhe tragen, sah hinunter auf ein Plastikmeer. Die Wellen züngelten nach mir, konnten mich aber nicht erreichen. Der Wind ließ nach, blies nur noch als laues Lüftchen. Ich kehrte auf den Boden zurück und hatte meine Insel erreicht. Aus der Ferne sah ich Nieten und Ketten zu gleißendem Silber werden. Davon geblendet, wendete ich mich ab. Mit dem Gefühl wieder nur Zweiter geworden zu sein.

Was bleibt ist nur noch Patina. Die schimmert auch und verstopft die Venen. Lässt wenig durch, was heute glänzt. Der Rausch kommt selten und währt nur kurz. Die ersten Schnitte gingen tief ins Fleisch. Purpurn pochen die Erinnerungsnarben.

© 2007 Olaf Nägele

nach oben

Olaf Nägele, 2007