Navigation überspringen und zur Seitenüberschrift gehen.

Süßherzen-Archiv

Das Süßherz der Saison, Juli 2007:
Ulrike Wörner, Friedrich-Bödecker-Kreis Baden-Württemberg e.V.

Ulrike Wörner

Treffen sich zwei Autoren auf der Straße. Fragt der eine: "Na hast du schon gegessen?" Antwortet der andere: "Na klar. Schon oft!"
Nun, ganz so dramatisch wie in dieser Anekdote muss man sich das Leben als Autor nicht vorstellen, aber eines ist sicher: Wenn man nicht Cornelia Funke, Frank Schätzing oder J.K. Rowling heißt und einen oder mehrere Bestseller verfasst hat, dann müssen andere Einnahmequellen herhalten. Institutionen wie der Friedrich-Bödecker-Kreis Baden-Württemberg e.V. greifen den Schriftststellern dabei hilfreich unter die Arme. Gegründet wurde der Verein 1979 durch das Ministerium für Kultus und Sport. Seine vornehmliche Aufgabe besteht in der Vermittlung und Finanzierung von Autorenlesungen und Literatur-Workshops an Schulen. Über 500 sind es allein in diesem Jahr, die der Verein in Baden-Württemberg finanziert hat.

Im Ländle hat der FBK seinen Sitz in Esslingen und wird durch zwei "Persönlichkeiten" geprägt: Durch den Mops "Otto", der mit Literatur jedoch nur mäßig respektvoll umgeht – er ist eher für seine "Verrisse" bekannt. Und natürlich durch sein "Frauchen" Ulrike Wörner. Die in Esslingen aufgewachsenene Literaturwissenschaftlerin ist seit 1998 Geschäftsführerin des Vereins und gibt in dem folgenden Interview einen Einblick in ihre Arbeit, die manchem Schriftsteller das Leben einfacher macht.

1. Liebe Uli, wie kamst du denn zum FBK?

"Ich wurde im Februar 1998 angerufen, ob ich mir vorstellen könnte, die Geschäftsführung des FBK zu übernehmen. Ich habe damals noch in einer Buchhandlung inklusive Kleinkunstbühne und biologischem Weinhandel gearbeitet. Ich habe mich beworben und wurde genommen."

2. Wie sieht deine tägliche Arbeit aus? Was gefällt dir, worauf könntest du verzichten?

"Da die Geschäftsführung des FBK Baden-Württemberg eine Halbtagsstelle ist, sieht meine Arbeit immer gleich und immer anders aus: Dienstags und Mittwochs habe ich am Vormittag Sprechzeit. D.h. es klingelt ununterbrochen das Telefon. Nebenher versuche ich der Emailflut Herr zu werden. Dann müssen Autorenbewerbungen geprüft und Lehreranfragen zur Autorenwahl sowie allgemeine Anfragen erledigt werden. Dann gibt es da noch die Buchhaltung, die Abrechnungen der Honorare, das Versenden der Lesungsprotokolle und das Einsortieren derselben, wenn sie wieder zurückkommen, die Vor- und Nachbereitungen zur Frederick Woche, Vorstands-, Beirats- und Mitgliederversammlungen des FBK und Sitzungen der Partnerorganisationen, Juryarbeit, die jährliche Statistik und Jahresbericht...
Was mir gefällt, ist, dass ich es nicht mit Ersatzteilen für Autos zu tun habe, sondern mit der Literaturvermittlung für Kinder und Jugendliche. Wenn ich Zeit habe, mir Konzepte auszudenken, ist das wie Weihnachten und Ostern zusammen. Was mir zunehmend Probleme macht, ist, dass die Verwaltungsarbeit zunimmt, in der Kreativität damit beginnt und endet, mal wieder einen neuen Formbrief zu formulieren. Und dass eine Halbtagsstelle absolut nicht reicht, um das Pensum zu schaffen."

4. Wie kommt ein Autor auf die Liste des FBK?

"Er bewirbt sich mit einer Biobibliographie und Belegexemplaren. Der Autor sollte mindestens ein Buch in einem Verlag, der kein demand-Verlag bzw. Druckkostenzuschussverlag ist, veröffentlicht haben. Dann wird vom Vorstand geprüft, ob sich dieser Autor für unsere Anliegen, nämlich die Begegnung eines Schriftstellers mit Schülern, eignet. Ist da ein ganz junger Autor, der noch kein eigenes Buch vorweisen kann, muss man im Einzelfall entscheiden. In der Regel hatte ich da immer den richtigen Riecher. Markus Orths war so ein Autor. Der hat bei Bödecker Ba-Wü gelesen, bevor er ein eigenes Buch hatte."

5. Gibt es Autoren, mit denen die Zusammenarbeit besonderen Spaß macht? Was zeichnet diese Autoren aus?

"Ja, sicher. Mehrere. Aber ich denke, ich darf da keine und keinen namentlich nennen. Es ist ja logisch, dass nach fast 10 Jahren Arbeit für den FBK auch einige Freundschaften entstehen. Was diese Autoren alle auszeichnet? Ich habe sie (fast) alle zu mir zum Essen eingeladen. Außerdem sind es die Besten..."

6. Welche Autorin oder welchen Autor, dead or alive, hättest du gern auf der Liste?

"Dead: das ist sehr schwierig - immer und überall natürlich Thomas Mann. Hauptsächlich wegen seines ironischen Untertons und weil seine Romane alles beinhalten, was der Bildungsplan von der Oberstufe so verlangt. Außerdem James Agee. Er ist in Deutschland nicht sonderlich bekannt, hat aber eines der wunderbarsten Bücher geschrieben, das ich besitze: Let us now praise famous men. Hier könnten Schüler und Lehrer und alle anderen lernen, was es heißt Poesie mit Empathie zu verknüpfen, ohne dass es kitschig wird, will heißen, dass man gerührt über die eigene Rührung ist.
Alive: Jonathan Safran Foer, Jonathan Franzen. Beide sind für mich im Moment die Romanciers, von denen man wahrscheinlich am meisten lernen kann."

7. Gibt es auch witzige Anfragen?

"Witzige Anfragen gibt es kaum. Eher Anfragen, bei denen man lacht und es einem dann anschließend die Tränen in die Augen treibt.
Die beiden Herausragendsten waren: die Anfrage einer Deutschlehrerin 2001, ob Hermann Hesse noch einen Termin frei habe (was ich verneinen musste), das andere war die kurze Episode, als ich versucht habe, den Nobelpreisträger des Jahres 2002 Imre Kertesz, zu vermitteln und ihn keine Schule haben wollte - obwohl diese Lesung vollfinanziert gewesen wäre."

8. Angenommen, die gute Arbeitserleichterungsfee erschiene dir eines Morgens und du hättest einen Wunsch frei? Welchen würdest du äußern?

"Sie soll ruhig erscheinen, sie kriegt meinen Job und ich geh mal zwei Wochen Urlaub machen. Wenn sie dann noch ihren Job weitermachen will, ist sie eine wirklich gute Fee."

Ulrike Wörners Leben in Zahlen und Daten:

Wann und wo geboren? 1969 in Schorndorf
Wo zur Schule gegangen? 1975-1988 in Esslingen, Abitur am Schelztor-Gymnasium
Was studiert? Allgemeine Vergleichende Literaturwissenschaften (Amerikanische, Französische, Englische Literatur), Germanistik und Politikwissenschaften
Beruflicher Werdegang?
1988-1996 Studium mit Abschluss Magister Artium.
neben dem Studium bei der Buchhandlung Stocker und Paulus im Verkauf
1996-1998 Veranstaltungsorganisation, Pressearbeit, Buchhandelsarbeit und Weinproben im Dreigiebelhaus Besigheim
seit 1998 Geschäftsführerin beim FBK

außerdem:
Vorträge und Moderationen, Lehraufträge für Veranstaltungsorganisation und Slam Poetry, Dozentin für Kreatives Schreiben im In- und Ausland, einige Bücher herausgegeben, einige Bücher und sehr viele Texte lektoriert und drei Zeitschriften aus dem Boden gestampft

nach oben

Olaf Nägele, 2007