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Süßholz für Süßherzen

Schmeiss alles hin und fang neu an
Simon Reynolds "Buch aller Bücher" für Post-Punk-Fans

Buchumschlag

Was? Ein Buch als "Süßherz des Monats"? Ja, geht denn das?

Ja, es geht. Wenn ein Buch so wichtig, so bedeutsam, so gut recherchiert und intelligent aufgearbeitet ist wie dieses, dann muss dies Erwähnung finden.
Simon Reynolds ist freischaffender Autor und einstiger Redakteur der englischen Musikzeitschrift Melody Maker. In seinem Werk "Schmeiß alles hin und fang neu an: Postpunk 1978 – 1984" erzählt er die Geschichte einer Epoche, die mindestens ebenso wichtig war, wie der Zeitraum von 1963 – 1967, der im allgemeinen Sprachgebrauch als die "Sixties" gilt. Stilprägende Bands befreiten sich aus dem Krater, den die Implosion des Punks 1978 gerissen hatte und machten sich daran, das zu vollenden, was die Sex Pistols und Konsorten nicht geschafft hatten: Die Zerstörung des Rock'n Roll.

Mit einer überschäumenden Energie, dem Zorn der Jugend und der Kraft des Chaos mischten sie verschollen geglaubte Musikrichtungen mit abenteuerlichen Sounds, dilettierten auf selbst gebauten Instrumenten, verwoben Geräusche und Töne mit ihrer ureigenen Philosophie und erschufen so ihr eigenes Kunst-Genre. Bands wie Pere Ubu, Devo, Wire, The Fall, Throbbing Gristle, Public Image Ltd. und viele mehr prägten ihr Umfeld und gaben ein Leitbild für eine Heerschar von Formationen ab, die sich in diesen sechs Jahren aus dem Untergrund erhoben.
Vier Jahre hat Reynolds benötigt, um dieses Buch zu schreiben, 128 Interviews hat er geführt und tief in den Archiven von Popzeitschriften gewühlt. Den regionalen Schwerpunkt legt er bei dem 575 Seiten starken Werk überwiegend auf Großbritannien und die USA, wohl wissend, dass auch in anderen Ländern wie zum Beispiel in Deutschland und Australien interessante Szenen heranreiften. Seine intensive Recherche hat sich gelohnt.

Herausgekommen ist eine umfangreiche Zusammenfassung, die alle wichtigen Strömungen dieser Zeit benennt. Dass er manchmal den objektiven Blickwinkel verlässt und der Fan in ihm durchbricht, ist leicht zu verzeihen. Zumal er mit dieser Dokumentation im wesentlichen nur andere Musik-Besessene erreichen dürfte, die, wie er auch, die Zeit miterlebt haben und in ihren Plattenregalen einige der beschriebenen Schätze beherbergen. Für alle anderen ist es ein Appell an das Geschichtsbewusstsein. Sie können anhand "Schmeiss alles hin und fang neu an" ergründen, wo die heutigen Indie-Bands ihre Wurzeln haben.

Hannibal Verlag, München 2007
ISBN 3854452705

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Olaf Nägele, 2007