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Süßholz für Süßherzen

Ingo Anhenn

Buchumschlag

Wer schon einmal eine Lesung unter dem Titel "Maultaschi Goreng mit Pläng" besucht hat, kennt ihn bereits: meinen musikalischen Mitstreiter Ingo Anhenn, der mit seinen verzückenden, sphärischen Klängen, die er der Sitar entlockt, das Tor zu anderen Welten aufstößt, die im ersten Moment so gar nicht zu Geschichten mit regionalem Touch passen. Dass diese Mixtur aus Exotik und "hoimelig" dennoch funktioniert, liegt wahrscheinlich an dem scharfkantigen Bruch zweier Kulturbereiche, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
 

Nun: wer ist dieser Ingo Anhenn, der mit meditativer Ruhe auf der Bühne sitzt und seinem sündhaft teuren "Kürbis" geradezu meisterlich Töne entlockt?

Eines steht fest: Ein Schwabe ist er nicht. Geboren wurde er in Weidenau bei Siegen, ein Exil-Westfale also. Studiert hat er Germanistik und Linguistik und da man nicht nur von Inspiration und Meditation leben kann, arbeitet er als Lektor, Korrektor und Autor. Ja, ein Schriftsteller ist er auch. Das bevorzugte Sujet ist die Science-Fiction, zutreffender wäre wahrscheinlich die Skuril-Fiction, wenn es sie denn gäbe, und man muss schon ausgeschlafen sein, um den irrwitzigen Erzählungen und den blitzgescheiten Gedankenachterbahnfahrten folgen zu können.

Seine Liebe gehört, natürlich, ganz klar, Lebensgefährtin Anja. Aber sie hat harte Konkurrenz. Denn so richtig schön wird das Leben für Ingo durch handgemachte Musik. Die chaotische, die elektronische und, wer hätte dies gedacht, vor allem die indische haben es ihm angetan. Mit Letzterer kam er bei seinem ersten Indientrip in Berührung und Reisegefährte Zufall spielte hierbei eine große Rolle. Er entdeckte einen Menschen, der mit einem eigenwillig geformten Instrument unter dem Arm auf dem Weg zu dessen Lehrer war. Ingo ging mit und der Lehrer, Pandit Shivanth Mishra in Benares, drückte ihm eine Sitar in die Hand. Er ließ sie, wenn man so will, nie wieder los. Das Besondere an dem Instrument sei, so der Multiinstrumentalist, dass man nicht nur ein Instrument lerne, sondern auch die Musikkultur dahinter verstehen müsse, erklärt er. Von europäischen Hörgewohnheiten in Dur und Moll müsse man sich verabschieden. Man müsse in modaler Musik, die sich auf einen Grundton bezieht, versinken können. Lagerfeuer-Schlager zu spielen funktioniert nicht, denn es gibt weder Griffe noch Modulationen. "Die Sitar will unbedingt ein Soloinstrument sein", sagt Ingo.

Ein Glück, dass schwäbische Weisen auf der Sitar sehr gut funktionieren. Womöglich gibt es hierzulande einen musikhistorischen Einfluss, den die Ethnologen übersehen haben. Wer sich davon überzeugen will, wie die Klassiker "Auf dem Wase" oder "Baurabüble" eine neue Klangdimension erreichen, ist herzlich eingeladen, eine gemeinsame Lesung zu besuchen. Termine gibt es unter "Kalenderfutter".

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Olaf Nägele, 2008