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Süßholz für Süßherzen

Das Süßherz der Saison, Februar 2009:
Sudabeh Mohafez

Sudabeh Mohafez

Sich mit Sudabeh Mohafez über Literatur zu unterhalten ist mindestens so anregend und fesselnd wie eines ihrer Bücher zu lesen. Einmal angetippt, kommt sie in einen wortgewaltigen Erzählfluss. Da fallen schon auch mal so Sätze wie "Heimat ist ein Ort, der mich etwas angeht." Das ist so wohl durchdacht und schön formuliert, dass es der Interviewer leicht hat. Er muss nur mitschreiben. Diese Heimat, die sie etwas angeht, ist Deutschland. Das war nicht immer so eindeutig. Als sie 1979 mit ihrer Familie nach Berlin kam, zuvor hatte sie im Iran gelebt, fühlte sie sich ziemlich einsam. Und begann zu schreiben. Sie ging dabei einem Grundimpuls nach, ihre innere Welt zu Papier zu bringen. Und wer viel schreibt, sagt sie, beginnt irgendwann gestalterisch zu schreiben. So einfach ist das also.

Bis Sudabeh jedoch den Traum, als Schriftstellerin ihr Geld zu verdienen, verwirklichte, sollten noch etliche Jahre ins Land gehen. Lange arbeitet sie in der Krisenintervention in einem Berliner Frauenhaus, bis sie aus Sorge um ihre Gesundheit kündigte und ihr Leben als Autorin begann. Basis ihrer Arbeit waren die Werke, die sie Jahre zuvor geschrieben hatte, zwei davon schafften es in überarbeiteter Form in ihren Erzählband "Wüstenhimmel Sternenland". Für dieses Debüt erhielt sie 2006 den Adelbert-von-Chamisso Förderpreis. Stipendien und weitere Auszeichnungen folgten: für das literarische Weblog "zehn zeilen" wurde ihr der Isla-Volante-Literaturpreis zugesprochen und mit der Geschichte "Von wegen Türöffner" gewann sie den MDR-Literaturpreis 2008.

2008 hätte ein Mohafez-Jahr werden können, wenn sie auch noch den Bachmann-Preis, für den sie nominiert war, gewonnen hätte. In Klagenfurt las sie ein Stück aus ihrem neuen Buch, das voraussichtlich im nächsten Jahr erscheinen wird. Mit dem Werk überzeugte sie zwar die Literaturkritiker und einen großen Teil des Publikums, nicht jedoch die Jury. Sudabeh reiste mit leeren Händen zurück. Und es hat auch ein Weilchen gedauert, bis ihr Selbstwertgefühl wieder hergestellt war. Schließlich ist es kein schönes Gefühl, dazusitzen, während der Text in aller Schärfe kritisiert wird und Sachen vorgebracht werden, die zum Teil an der Geschichte vorbeigehen. "Ich hatte den Eindruck, einigen Juroren ging es mehr um sich selbst als um die Auseinandersetzung mit dem literarischen Anliegen der Teilnehmer", lautet ihr Fazit. Immerhin: der Piper-Verlag bringt eine Anthologie mit den sieben besten Geschichten des Wettbewerbs heraus und Sudabehs Erzählung ist dabei.

Inzwischen vertraut sie sich und ihrem Schreiben wieder voll und ganz. Vielleicht liegt es an der neuen Umgebung, denn nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Lissabon, zog es sie nicht nach Berlin zurück, sondern nach Stuttgart. Kennen gelernt hat sie "Benz-Town" während eines Aufenthaltsstipendiums im Schriftstellerhaus. Die Mischung aus überschaubarer Urbanität, die wendige, intelligente Langsamkeit und dies "angenehme geerdet sein" der Schwaben faszinieren sie. "Irgendwie ist hier alles mit allem verbunden, während in Berlin alles atomisiert war." Die Langsamkeit im positivsten Sinne hat auch die Heldin ihres neuen Romans erfasst. Sudabeh bewundert diese Figur dafür. Und ist gleichzeitig glücklich, weil sie weiß, dass sie die Protagonistin mit diesem Attribut ausgestattet hat. "Diese Langsamkeit muss also auch in mir stecken", sagt sie und lächelt. Zu spüren ist davon noch nichts und selbst wenn: Solange sie Sätze ausspricht, die andere nicht einmal schreiben könnten, soll uns dies recht sein.

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Olaf Nägele, 2009